Wie erreichen und unterstützen Kommunen interessierte Hauseigentümer*innen, damit diese ihre Sanierungsprojekte anpacken? Die Stadt München macht es vor: mit kostenloser Energieberatung vor Ort, Workshops und Events direkt im Quartier. Uwe Nischwitz vom Referat für Klima- und Umweltschutz der Stadt München teilt im Interview seine Erfahrungen und gibt Empfehlungen für die aufsuchende Energieberatung.

Können Sie uns kurz die Besonderheiten des Projekts schildern?
Die Landeshauptstadt München hat sich das Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu werden. Wenn wir dieses Ziel ernst nehmen, dann müssen wir vor allem im Gebäudebereich deutlich schneller vorankommen. Genau deshalb ist die aufsuchende Energieberatung für uns so wichtig: Sie ist ein ganz praktisches Instrument, um die Sanierungsrate zu erhöhen und Klimaschutz im Alltag der Menschen zu verankern.
Das Besondere an unserem Projekt ist, dass wir nicht darauf warten, bis die Menschen von selbst zu uns kommen. Wir gehen direkt in die Quartiere, also dorthin, wo die Fragen, Unsicherheiten und Entscheidungen ganz konkret entstehen. Viele Eigentümer*innen wissen grundsätzlich, dass an ihrem Gebäude etwas passieren müsste. Aber zwischen diesem Wissen und dem ersten Schritt liegt oft eine große Hürde. Genau diese Hürde wollen wir kleiner machen.
Deshalb setzen wir auf kostenlose Vor-Ort-Beratungen, flankiert von Formaten wie Informationsveranstaltungen, Thermografie-Spaziergängen, Do-It-Yourself Balkonsolar Workshops und weiteren Angeboten im Quartier. So wird energetische Sanierung nicht als fernes Expert*innenthema wahrgenommen, sondern als etwas, das mit dem eigenen Haus, den eigenen Kosten und dem eigenen Alltag zu tun hat. Für mich ist genau das der Kern: Wir machen aus einem abstrakten Thema ein persönliches und greifbares.
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht – was lief gut, wo gab es Stolpersteine?
Was sehr gut funktioniert, ist alles, was konkret, verständlich und nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen ist. Sobald wir im Quartier präsent sind und die Beratung direkt am Gebäude oder in einem vertrauten Rahmen stattfindet, entstehen ganz andere Gespräche. Dann geht es nicht mehr nur um Klimapolitik im Großen, sondern um sehr praktische Fragen: Was bedeutet das für mein Haus? Was ist sinnvoll? Wo fange ich überhaupt an?
Gleichzeitig sehen wir aber auch ganz klar, wo die Stolpersteine liegen. Ein großes Thema ist derzeit die uneinheitlich wahrgenommene politische Ansage. Viele Menschen erleben die Debatte rund um Sanierung, Heizung und Förderbedingungen als widersprüchlich oder zumindest nicht stabil genug. Das führt dazu, dass manche lieber abwarten, statt zu investieren. Und das ist nachvollziehbar: Wer größere Summen in die Hand nehmen soll, braucht Investitionssicherheit und das Gefühl, dass die Rahmenbedingungen verlässlich sind.
Ich glaube, genau da zeigt sich auch, wie wichtig gute kommunale Beratung ist. Wir können politische Unsicherheiten nicht komplett auflösen, aber wir können Orientierung geben, Dinge einordnen und den Menschen helfen, trotz komplexer Rahmenbedingungen ins Handeln zu kommen. Und manchmal ist genau das der entscheidende Unterschied.
Welches sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Erfolgsfaktoren?
Der vielleicht wichtigste Erfolgsfaktor ist die echte Verankerung im Quartier. Solche Projekte funktionieren aus meiner Sicht nur dann wirklich gut, wenn sie vor Ort sichtbar und anschlussfähig sind. Die Menschen müssen merken: Das ist kein anonymes Angebot von irgendwoher, sondern etwas, das in ihrem Umfeld stattfindet und ihre konkreten Lebensrealitäten ernst nimmt.
Deshalb ist auch der Kontakt zu zivilgesellschaftlichen Akteuren im jeweiligen Quartier so wichtig. Ob Nachbarschaftstreffs, Vereine, Kirchengemeinden oder andere lokale Initiativen: Diese Akteure kennen die Menschen, die Themen und oft auch die Stimmung vor Ort. Sie helfen dabei, Vertrauen aufzubauen und das Thema in bestehende Netzwerke hineinzutragen. Und Vertrauen ist bei der energetischen Sanierung fast genauso wichtig wie Fachwissen.
Ein spannender Baustein ist für uns außerdem das neue Format der Energiebotschafter*innen. Dahinter steckt die Idee, dass Kommunikation nicht nur über Flyer, Webseiten oder Veranstaltungen laufen sollte, sondern auch über Menschen, die im Quartier Gespräche anstoßen und andere mitnehmen. Energiebotschafter*innen können dazu beitragen, dass Nachbar*innen miteinander ins Reden kommen, Erfahrungen teilen und sich gegenseitig motivieren. Genau dieses soziale Moment ist unglaublich wertvoll, weil es zeigt: Die Energiewende ist nicht nur eine technische Aufgabe, sondern auch eine gemeinschaftliche.
Wie führen Sie das Projekt weiter, was sind die nächsten Meilensteine?
Für uns ist ganz entscheidend, dass wir das Projekt nicht als starres Format verstehen, sondern als etwas, das sich mit den Erfahrungen aus der Praxis weiterentwickeln muss. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei die enge Rückkopplung mit unseren Energieberater*innen, die direkt im Quartier unterwegs sind. Sie erleben aus erster Hand, welche Fragen die Menschen mitbringen, wo Unsicherheiten besonders groß sind und an welchen Stellen Angebote gut funktionieren oder eben noch nachgeschärft werden müssen.
Diese Rückmeldungen sind für uns Gold wert. Denn wenn wir die Erfolgsquote verbessern wollen, dann müssen wir sehr genau verstehen, wie Menschen sich durch das Thema bewegen: Was motiviert sie? Wo steigen sie aus? Welche Informationen fehlen? Und welche Formate helfen wirklich dabei, aus Interesse konkrete Schritte zu machen?
Die nächsten Meilensteine liegen deshalb nicht nur in der Fortführung des Projekts, sondern vor allem in seiner Weiterentwicklung. Wir wollen aus den Erfahrungen vor Ort lernen, neue Ideen aufnehmen und die Ansprache immer weiter verbessern. Ich glaube, genau diese Mischung aus Kontinuität und Lernbereitschaft ist entscheidend, wenn man ein solches Projekt langfristig wirksam machen will.
Haben Sie Empfehlungen für andere Kommunen, die ein ähnliches Konzept umsetzen wollen?
Meine wichtigste Empfehlung wäre: serviceorientiert denken und den Kontakt zu den Bürger*innen konsequent in den Mittelpunkt stellen. Aufsuchende Energieberatung ist dann erfolgreich, wenn die Menschen nicht nur Informationen bekommen, sondern wirklich das Gefühl haben: Da kümmert sich jemand. Da hört jemand zu. Da nimmt jemand meine Fragen ernst. Dieses Gefühl ist oft der Türöffner für alles Weitere.
Deshalb würde ich anderen Kommunen raten, sehr nah an den Menschen vor Ort zu arbeiten und die Rückkopplung mit den Bürger*innen nicht als Nebensache zu behandeln, sondern als zentralen Bestandteil des Projekts. Wer wissen will, welche Angebote funktionieren, muss zuhören. Wer Menschen erreichen will, muss verstehen, was sie beschäftigt, was sie verunsichert und was sie motiviert.
Außerdem lohnt es sich, pragmatisch zu starten und nicht auf das perfekte Konzept zu warten. Viele gute Lösungen entstehen erst in der Umsetzung. Entscheidend ist, dass ein Angebot sichtbar, verständlich und verlässlich ist. Wenn die Menschen den Eindruck gewinnen, dass sie mit ihren Fragen nicht allein gelassen werden, ist schon sehr viel erreicht. Denn am Ende geht es nicht nur um einzelne Beratungen, sondern darum, Vertrauen aufzubauen und damit echte Veränderung möglich zu machen.
Unsere Unterstützung für die Stadt München – auf einen Blick
- digitalen Beratungstools (Checks) zur Einbindung auf muenchen.de (inkl. kurzer Abstimmung & technischer Anleitung)
- fertig nutzbare Kommunikationspakete (Textbausteine, Social-Posts, Web-Module) für Ihre Kanäle
- neutrale Infomaterialien für Bürger*innen (Flyer/Download) – leicht verständlich, faktenbasiert
- Praxis-Support für Kampagnen & Aktionen (z. B. thematische Schwerpunktwochen)
- Austausch & kurze Einweisung fürs Team, damit die Inhalte im Alltag schnell nutzbar sind
Gern unterstützen wir auch Ihre Kommune dabei, aufsuchende Energieberatung umzusetzen – bitte kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Erstgespräch!
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