Die letzten Monate waren für Profis der energetischen Sanierung alles andere als langweilig: Die Änderungen mit dem neuen GModG und die kurzfristige Umstellung der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) wirken sich massiv auf Beratungsstrategie und Einzelprojekte aus.
Carmen Giesing und
Christin Goldbeck begleiten mit ihrem Ingenieurbüro
Energy Building in den Metropolregionen Berlin, Hamburg und Stuttgart Hausbesitzer*innen bei Sanierung, Neubau und Förderung. Wir haben sie gefragt, welche Auswirkungen sie bei der energetischen Gebäudesanierung erwarten – und nach ihren Erfahrungen als Frauen in einem männlich dominierten Geschäft.

Wie haben die Änderungen an Gesetzen und Förderung Eure Beratungsgespräche zur energetischen Sanierung beeinflusst?
Spürbar: Die Ankündigung der „Bio-Treppe“ im Mai hat bei unseren Kund*innen ganz neue Fragen aufgeworfen, teilweise auch Unmut geschürt. Wie soll die Umsetzung funktionieren? Woher soll das Biogas kommen? Was wird es kosten? Auf welche CO₂-Besteuerung müssen sich Eigentümer*innen einstellen? Wir werden jetzt verstärkt gebeten, die neuen Regelungen einzuordnen und zu erklären.
Am stärksten war die Verunsicherung durch die kurzfristige BEG-Reform im Juli, besonders bei Kund*innen mit bereits gestellten, aber noch nicht beschiedenen Förderanträgen. Auch bei laufenden Planungen bedeutete das für viele Eigentümer*innen einen Rückschlag: Gerade bei Komplettsanierungen wirken sich zwei- bis dreitausend Euro Unterschied in der Heizungsförderung deutlich aus.
Welche Auswirkungen dieser Änderungen auf Sanierungsprojekte erwartet Ihr in der Zukunft?
Wir vermuten, dass die BEG-Reform zu einem Rückgang des standardisierten individuellen Sanierungsfahrplans (iSFP) führen wird. Und ehrlich gesagt: Das sehen wir für die wirklich individuelle Planung sogar als Vorteil! Wir haben immer wieder erlebt, dass zwischen dem, was der iSFP als BAFA-geförderter Bericht formal vorgeben muss, und dem, was der Kunde eigentlich möchte, eine Diskrepanz entsteht – dabei geht Individualität verloren.
Wir erwarten daher, dass die Beratung sich wieder stärker darauf konzentriert, was die Eigentümer*innen wirklich wollen: Was ist ökonomisch und ökologisch sinnvoll, um das behagliche Wohngefühl zu schaffen, das gewünscht ist? Und dass die Frage, wie sich das mit möglichen Förderungen sinnvoll umsetzen lässt, daran anschließt.
Gleichzeitig rückt die BEG-Reform ältere, unsanierte Bestandsgebäude der Energieeffizienzklasse H in den Fokus, mit dem Ziel einer Komplettsanierung zum Effizienzhaus mit nachhaltigen Produkten. Das wird unsere Beratungsstrategie verändern: Wir werden diesen Fokus stärker aufgreifen, um wirtschaftliche Sanierungen mittels Förderung möglich zu machen.
Wagt Ihr schon eine Prognose, wie sich die Investitionsbereitschaft und Sanierungsquote entwickeln werden?
Dieser neue Fokus auf Effizienzklasse-H-Gebäude und Komplettsanierungen stimmt uns vorsichtig optimistisch: Damit adressiert die BEG künftig gezielt den Bestand, der aus volkswirtschaftlicher Sicht am dringendsten saniert werden muss. Rund drei Viertel des deutschen Gebäudebestands wurden vor 1978 errichtet, viele davon ohne jede Dämmung. Und ungefähr die Hälfte des Energieverbrauchs im Gebäudesektor entfällt auf die Effizienzklassen G und H, damit liegt hier ein starker Hebel für den Klimaschutz.
Die Entwicklung der Sanierungsquote insgesamt sehen wir eher skeptisch: Bundesweit lag sie zuletzt bei rund 0,67 Prozent – das liegt weit unter den für die Erreichung der Klimaziele nötigen 2 Prozent. Die kurzfristige BEG-Reform hat für zusätzliche Unsicherheit gesorgt.
Mittelfristig könnte der schärfere Förderfokus aber tatsächlich mehr bewegen bei genau den Gebäuden, die am meisten Klimaschutz-Wirkung zeigen – auch weil unsanierte Immobilien inzwischen einen Marktpreisabschlag von bis zu 40 Prozent gegenüber sanierten Objekten haben, was den wirtschaftlichen Druck auf Hausbesitzende zusätzlich erhöht.
Ihr seid ein rein weibliches Energieberaterinnen-Team in einer männlich dominierten Branche. Beeinflusst das Eure tägliche Arbeit mit Kund*innen und Fachbetrieben?
Als wir gestartet sind, begegnete uns immer wieder Skepsis, etwa mit der Frage, wann denn „der Kollege“ dazukommt. Das erleben wir heute deutlich seltener – sicher auch, weil wir länger im Geschäft und sichtbarer sind, denn Erfahrung wird oft mit Kompetenz gleichgesetzt. Über die Jahre haben wir einen guten Umgang mit schwierigen Situationen und dem rauen Ton in der Bau- und Handwerksbranche gefunden und begegnen dem oft mit Humor.
Wir bekommen häufig das Feedback, dass unser Zugang gut ankommt und Kund*innen sich bei uns gut aufgehoben fühlen, gerade mit ihren komplexen technischen und finanziellen Fragen. In der Zusammenarbeit mit unseren männlichen Kollegen verstehen wir uns nicht als Gegenpol, sondern einfach als kompetente Ingenieurinnen, die mit anpacken und ihre Arbeit machen.
Frauen sind in unserer Branche weiterhin deutlich unterrepräsentiert; wir würden uns freuen, wenn sich das Bild weiter wandelt, und sehen uns als Beispiel dafür, dass es möglich ist. Am liebsten wäre uns, wenn das irgendwann so selbstverständlich ist, dass sich diese Frage gar nicht mehr stellt!
Carmen Giesing und Christin Goldbeck begleiten mit ihrem Ingenieurbüro Energy Building seit 2019 Hausbesitzer*innen in den Metropolregionen Berlin und Hamburg bei Sanierung, Neubau und Förderung und haben mit über 1.000 genehmigten Förderanträgen viele Gebäuden energieeffizient, gesund und sicher gemacht.
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